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Wir flogen nach Florida. Es war nicht unsere erste
gemeinsame Reise. Aber so weit sind wir danach nie wieder gereist, bis heute nicht. Wir waren beide gerade mit dem Studium fertig, verliebt, die Verheißungen der Zukunft süßer als Pancakes mit Ahornsirup, die es hier zum Frühstück gab.Überfreundliche Kellnerinnen schüttelten leise lächelnd den Kopf, wenn wir nur “sidedishes” zum Frühstück orderten: Toast, gekochte Eier und Kaffee, auch, um Geld zu sparen.
In Miami schlug uns zuckerwattedicke Luft entgegen. Wir mieteten ein Auto, luxuriös und klimatisiert, fuhren staunend über
Highways, Tausende Kilometer weit weg von unseren Familien, die uns als Mühlsteine um den Hals hingen. “Lass uns hier bleiben”,
schlug ich vor. “Wir reisen einfach herum, wenn das Geld alle ist, jobben wir.” Nichts habe ich je wieder so ernst gemeint. Ein
Zeittor, das wir zuschlagen ließen.
Von Hamburg aus hatte ich die ersten
Übernachtungen gebucht, im Hotel “Surfcumber” im Art Deco District, eine farbliche Zumutung in mehrfach übergestrichenen Bonbon- und Barbiefarben, im Zimmer ein dröhnender Kühlschrank. Was taten wir all die endlosen, heißen Tage lang? Ich erinnere mich nicht. Wenn ich die Bilder anschaue, jetzt, nach über zwölf Jahren, sehe ich vor Glück leuchtende Gesichter, die ich nur mit Mühe mit den Familienfotos in Verbindung bringen kann, auf denen jeweils einer neben den Kindern sitzend oder stehend ein urlaubsbeschwipstes Fassadenlächeln anknipst.
Wir fuhren umher, hatten uns vorher ein grobe Route ausgeguckt. Fast jeden Tag ein neues billiges Motel, oft von Indern oder
Pakistani geführt und penetrant nach blumigen Desinfektionsmitteln riechend. Auf den Kingsize-Betten liegend, sahen wir CNN, während ich
rauchte. Es war komisch, amerikanischen Stimmen zu lauschen, die über die friedliche Revolution in Deutschland sprachen. Die Mauer
war ein Jahr zuvor gefallen, damals sahen wir es auch im Fernsehen, in meinem Bett, in meiner 23qm-Wohnung, es interessierte mich
nicht wirklich.
Später, als der Fernseher zu einer symptomatischen Bedrohung meiner Stimmung geworden war - immer Eurosport, der Heulton der
Formel-1-Wagen das Kindergeschrei übertönend, Motorradfahrer, die mit den Knien über den Boden schrammten, sein auf den Bildschirm konzentrierter Blick- habe ich manchmal daran zurückgedacht. Ohne Sentimentalität.
Wir fuhren immer weiter in den Süden, über die Keys nach Key West, zum Southernmost Point der USA. Er sagte: “Später können wir
das immer noch machen, reisen, jobben. In einigen Jahren.” Ich sah aus dem Fenster, die unendliche Weite einer fast fragilen Brücke über
den Ozean, die Wolken gefährlich dicht über der Wasseroberfläche. In Key West blieben wir einige rasend heisse Tage, tasteten uns von
Klimaanlage zu Klimaanlage. Vom Hafen aus fuhr ein Schiff Abend für Abend aufs Meer, noch ein wenig südlicher, weiter Richtung Kuba,
sie feierten einen Sonnenuntergang, grandios und kitschig, der nur für Touristen erfunden schien. Mein Hals schmerzte. Ich hatte
eine Mandelentzündung vom Wechsel zwischen Klimaanlagenkälte und Floridawärme.
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Ich fotografierte ihn, lachend am Strand, vor jedem halbwegs fotowürdigen Hintergrund, schlafend im Motelbett, ernst und
kindlich zugleich. Im Schlaf sah er jünger und älter
aus, eine Vorwegnahme aller späteren Bitterkeit. Auf anderen Fotos wirkt er männlicher, ich, rundlicher als heute, lächle strahlend.
Er wollte Boot fahren. Ich hatte eigentlich keine
Lust, war träge, machte aber ihm zuliebe mit. “Schau, wie flach das Wasser ist. Hier könnte man nicht mal ertrinken, wenn man es wollte”, sagte er. Ich hatte wie immer viel zu viel bei mir, eine dicke Tasche voller Dinge, die ich nicht brauchte. Sie stand zwischen meinen Beinen auf dem Boden, das Wasser schwappte ins Boot, als ich steuerte.
“Aber in ein paar Jahren machen wir das nicht mehr. Hier bleiben, rumreisen. Jetzt sind wir ungebunden. Wer weiß, was dann
ist”, sagte ich. Ich wollte diese Wochen ausdehnen, sie wie eine schützende Zellophanhülle um uns wickeln. Die Hitze machte mich benommen. An der Golfküste war es windstill, das Meer ein ausgeblichener Tümpel, badewannenwarm. Bei unseren pflichtbewussten Telefonaten mit den Müttern ging es um Belanglosigkeiten. “Papa hat heute auf dem Weg zur Arbeit bei dir die Blumen gegossen. Miriam hat Husten.” Ich kann mich nicht erinnern, meinen Eltern jemals gesagt zu haben, dass ich sie lieb habe. Oder umgekehrt. Durchs Telefon waren sie fern wie immer, dabei willenlos präsent in den Genen.
In Daytona lasen wir eine ältere deutsche Zeitung. Dass die DDR-Bürger bei der freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 die neu
zugelassenen demokratischen Parteien gewählt und der SED eine Abfuhr erteilt hatten, erfuhr ich hier mit einigen Monaten Verspätung. Ich war nicht überrascht, ich fühlte mich seltsam unbetroffen, losgelöst vom Geschehen in jenem kleinen Land, aus dem wir hierher reisten.
Er schien der erste richtige Mann nach all den
Jungs zu sein, beruhigende fünf Jahre älter als ich, und ich wusste, dass ich ihn heiraten wollte. Mit der Gewissheit des kleinen Mädchens, das den zitronengelben Lolli möchte, und mit der festeingebläuten Vernunft, deren Entsprechung ich in seinen Augen fand. Wir haben immer gut zusammen funktioniert, bis die Systeme zusammenbrachen.
“Ich wollte mal zur NASA”, sagte ich, als wir in Cape Canaveral die Raketen anschauten. “Mit zwölf oder dreizehn, ich habe alle
Raketenarten auswendig gelernt, die Antriebsweisen, Triebwerke, Herstellung. Ich war ein einsames und verschlossenes Kind. Lebte in meiner eigenen Welt.” - “Und warum hast du das nicht gemacht?” fragte er. “Mach es doch noch, es ist nicht zu spät.” Ich schüttelte den Kopf. Manche Entscheidungen kann man nicht umkehren.
Space Coast, Daytona, Ormond Beach, eine fast
menschenleere Küste. Wir fuhren mit dem Auto direkt auf den Strand. Es gefiel mir, dass er ganz selbstverständlich und immer fuhr. Später zankten wir ständig über seinen Fahrstil, der mir zu ruppig, zu riskant erschien, die Kinder in Gefahr brachte. Ich klang wie meine eigene Mutter und hasste mich dafür. Damals lachte ich. Ein pinker Badeanzug, ein grün-weiß-gestreifter, er machte ständig Fotos, ohne dass ich darum bitten musste.
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Wir brannten diese Eindrücke in unsere Haut, die
goldener bräunte als an anderen Urlaubsorten. Seltsamerweise erinnere ich mich an nichts sexuelles, außer einem fast-Erlebnis im Jacuzzi, einem gekachelten Whirlpool, bei dem wir wegen völliger Überhitzung kurz vorm Kreislaufkollaps standen.
“Vielleicht kommen wir nach der Assistenzzeit wieder hierher, machen Urlaub, oder anderswo, es gibt viele Orte, Kalifornien wäre
auch toll”, sagte er. Er wollte Zahnarzt
werden, seitdem er Kind war. Immer hatte alles geklappt, so wie er es wollte. Es gab keine Niederlagen in seinem Plan. Meine Träume wechselten, waren diffuser, unberechenbarer. Ich konnte mir viele Leben ausmalen, meine Vorstellungskraft war groß, und fast so bedrohlich wie die Angst vor dem Scheitern. Er stand mit beiden Beinen auf dem Boden, der unter unseren Füßen immer rissiger wurde, über den wir die Matten und Teppiche einer Bilderbuchfamilie warfen und nur noch mit vorsichtigen kleinen Schritten betraten.
Ende September fuhren wir mit dem Amtrak nach New York, wo wir kilometerweit liefen, weil ich es mir in den Kopf gesetzt hatte,
alles zu sehen. Jedes Bild mitnehmen, es in irgendeinem Winkel des Gehirns verwahren. Häuserschluchten, die Tauben im Battery Park, die Bootsfahrt zur Freiheitsstatue. Im Hotel Carter gab es knarrende, durchgelegene Betten, Kakerlaken und Pförtner, die kein Englisch sprachen, kein CNN. Eines Nachts stand ein Mann an unserem Bett und forderte uns auf, sofort den Zimmerpreis zu zahlen. Am nächsten Morgen wusste niemand an der Rezeption davon.
Was in Deutschland vor sich ging, wurde uns zunehmend egal, die Litanei unserer Mütter floss durchs Telefon in unsere Ohren ohne
Spuren zu hinterlassen. Greenwich Village,
China Town, spreche ich diese Worte, schmecke ich unsere Mahlzeiten dort wieder, rieche den säuerlichen Millionenstadtgeruch in den Straßen. Wir sind nie wieder so weit gereist. Dann kamen die Kinder, dann die apokalyptischen Reiter. “Tausend Tränen tief schläft ein altes Lied. ..” Am 3. Oktober 1990 flogen wir zurück nach Hamburg, noch eingesponnen in den Kokon dieser Wochen. Am Flughafen prangten uns fette Schlagzeilen entgegen, eingerahmt in schwarz-rot-gold: Deutschland ist ein Volk. Die Wiedervereinigung ist erreicht. Dieser Tag wurde von Volkskammer und Deutschem Bundestag zum Tag der deutschen Einheit bestimmt.
Wir lasen die euphorischen Artikel im
Schnellverfahren im Taxi, das uns zurück zu der kleinen Wohnung brachte, in der offiziell nur ich wohnte. “Es hat einen Wasserrohrbruch in der Wohnung darüber gegeben”, sagte ich zu ihm. Mein Vater hatte mich am Telefon gewarnt. Als wir die Tür öffneten, schlug uns Friedhofsgeruch entgegen. Im Badezimmer blühte handtellergroßer Schimmel.
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