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Requiem

Im Nachhinein ist es, als stürzte alles auf diesen Moment zu. Als hätten wir uns seit Jahren auf diesen Augenblick hin bewegt, aus unterschiedlichen Richtungen kommend, als wenn alle Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte in diesen Minuten zusammenträfen, wie ein Komet, dessen Aufprall nicht mehr zu bremsen war.

Eine Woche zuvor hatten wir sie gemeinsam aus der Schmerzklinik abgeholt. Mein Vater saß gebeugt auf dem Beifahrersitz, seine Haut Pergament, die Augen halb geschlossen. In den vergangenen acht Wochen war er im Zeitraffer gealtert. Seit über 60 Jahren verheiratet, waren sie noch nie voneinander getrennt gewesen. Selbst bei meiner Geburt kam ins Haus eine Hebamme. Nie fuhr einer der beiden allein weg, immer hatten sie alles zusammen gemacht. Als sie krank wurde, hatte er sich um sie gekümmert, ihr die Schuhe gebunden und die Tasche getragen. Bis die Schmerzen zu stark wurden. Von der Therapie hatten sie sich so viel versprochen.

„Endlich“, sagte er immer wieder, „endlich kommt Hannah wieder heim.“ Er nickte mit dem Kopf, wie um sich seiner eigenen Worte zu vergewissern. Eine Beschwörungsformel. Ich sah auf die Uhr, die Fahrt dauerte schon zu lange, Stoßstange an Stoßstange schoben wir uns durch den Stadtverkehr. Eigentlich hatte mein Chef mir gar nicht frei geben wollen. Die Arbeit musste ich später nachholen. Den Job zu verlieren konnte ich mir nicht leisten. Wer würde schon eine Sekretärin von Mitte Fünfzig einstellen, die sich um ihre gebrechlichen Eltern kümmerte?

„Ja“, sagte ich. „Hast du dir das mit dem Pflegedienst noch einmal überlegt?“

Er schüttelte wortlos den Kopf.

Ich seufzte ungeduldig. „Papa, wie stellst du dir das denn vor? Wie willst du das alleine schaffen mit Mama? Ich kann nicht jeden Tag zwei, dreimal kommen!“

„Brauchst du auch nicht. Hannah ist ja wieder da. Wir sind zusammen.“

 

Ich stehe mit rasendem Puls vor ihrer Wohnungstür, die Einkaufstüten liegen neben mir auf dem Boden. Seit zehn Minuten rühre ich mich nicht von der Fußmatte. Mein Klopfen verhallt in den Tiefen eines mitleidlosen Universums, in dem kein Gott wohnt. Oder ist Gott nur verreist?

Wie konnte man nur so halsstarrig sein? Ich musste den Impuls unterdrücken, ihn zu schütteln, stattdessen trat ich heftig auf die Bremse, als vor mir die Ampel nach einer kurzen Grünphase schon wieder auf rot schaltete. Mein Vater ruckte nach vorne, der Sicherheitsgurt spannte sich. Er gab keinen Mucks von sich. Sofort tat es mir leid. Er tat mir leid, meine Mutter tat mir leid, ich tat mir selbst leid. Ich fühlte mich so verdammt schuldig und hilflos.

„Mama kann sich doch fast gar nicht mehr bewegen, Paps! Sie braucht Hilfe beim Anziehen, essen, zur Toilette gehen. Und du bist 86, Herrgott!“ Ich biss mir auf die Lippen, bis ich Blut schmeckte.

„Ich weiß“, entgegnete er. „Sie hatte so lange Schmerzen. Aber nun ist sie wieder da. Wir schaffen das schon.“

In der Schmerzklinik hatten sie mir nicht viel Hoffnung gemacht. Dass Osteoporose eine so heimtückische, schmerzhafte Krankheit sein konnte, wusste ich zu Beginn nicht. Osteoporose – das hatten doch viele alte Leute, damit kann man noch gut leben, vermutete ich, als der Befund feststand. Meine Mutter war schon über 70, als der Hausarzt Knochenschwund diagnostizierte. „Die Knochenmasse Ihrer Mutter ist so gering, dass eine erhöhte Frakturanfälligkeit besteht“, warnte er. Sie bekam Fluoride, Östrogene, Calcitonide, ein paar Jahre lang passierte nichts weiter, es ging ihr gut. Sie kochte weiter für sich und meinen Vater, ging einkaufen, erledigte den Haushalt. Eines Tages rutschte sie auf dem feuchten Badezimmerboden aus. Wir waren froh, dass sie sich nicht die Hüfte oder den Oberschenkel gebrochen hatte. Doch ihre Rückenschmerzen wurden immer schlimmer. Sie konnte nicht mehr schlafen, den Rücken nicht mehr genug beugen, um sich allein Strümpfe anzuziehen. Der kleinste Weg wurde zur Tortur. Ich raste zwischen zuhause, meiner Arbeitsstelle und der Wohnung meiner Eltern hin und her, um den beiden möglichst viel abzunehmen. Als ich sie schließlich gegen ihren Willen zum Arzt brachte, stellte man fest, dass zwei Brustwirbelkörper und ein Lendenwirbelkörper eingebrochen waren. Die Wirbel wurden in mehreren Operationen wieder gerichtet. Man goss sie mit einer Art Beton aus. Doch auch nach den Operationen wurden die Schmerzen nicht besser, daher wurde sie an die Schmerzklinik überwiesen.

„Mama!“ rufe ich. „Papa! Seid ihr da?“ Eine sinnlose Frage, wo sollten sie hingehen? Und wie? Ich lege das Ohr an die Tür und lausche. Von drinnen ist nichts zu hören, kein einziger Laut, keine klassische Musik, absolute Stille, oder weniger noch, es sind Anti-Laute zuhören, wie Antimaterie, schwarze Löcher, die alles Leben schlucken.

„Wir können nicht viel für Ihre Mutter tun“, hatte man in der Klinik auf beharrliches Nachfragen schließlich zugegeben. „Sie wird starke Schmerzmittel mit nach Hause bekommen.“ Wie sollte sie ein menschenwürdiges Leben führen, dass nicht vom Schmerz regiert wurde? „In ihrem Alter, mit 83 Jahren, bleibt dann nur die Unterbringung in einem Pflegeheim.“ Und was sollte aus meinem Vater werden, alt, aber fit, mit dem Herzen eines Löwen? Wie sollte er sie gehen lassen, wie alleine seinen Lebensabend verbringen? Ohne sie an seiner Seite?

Fast verpasste ich die Abbiegung zur Klinik, weil ich so in Gedanken versunken war. Es blieb mir doch keine Wahl – mit Hilfe eines mobilen Pflegedienstes würden die beiden vielleicht in ihrer Wohnung bleiben können. Vorerst zumindest. Das Dumme war nur, dass mein Vater sich stur stellte. Sollte ich ihn denn entmündigen lassen? Das konnte ich nicht übers Herz bringen.

Ich warf ihm einen Blick zu. Verschlossen sah er aus, das Gesicht reglos. Er würde nicht mit mir reden. Ich spürte den alten Stich im Herzen. Nur sie hatte ihn berühren können. Ihre große Liebe zueinander hatte mich schon als Kind ausgeschlossen. Er hatte immer nur sie geliebt und angebetet, ich war mir wie ein Störenfried vorgekommen. Während Eltern von Freunden sich stritten, betrogen, trennten, waren meine wie in einen Glorienschein gehüllt. Noch immer brachte er ihr jede Woche einen Blumenstrauß, hielt ihre Hand, wenn sie zusammen auf dem Sofa fernsahen, rückte ihr die Kissen zurecht, lauschte ihren Geschichten.

Als wir vor dem Portal hielten, konnte er gar nicht schnell genug aussteigen. Hinter ihm betrat ich die Eingangshalle, wo meine Mutter schon wartete. Ihr Gesicht blühte kurz auf, als mein Vater zu ihr eilte, sie so vorsichtig umarmte, als wäre sie ein Küken. Dann verdunkelte der Schmerz ihre Augen.

„Hannah“, sagte mein Vater. „Meine Hannah.“

„Bring mich heim“, murmelte sie.

Ich wühle in meiner Tasche, um den Schlüssel zu finden, Orangen rollen auf den Boden, eine Honigmelone kullert die Stufen hinab und zerplatzt auf dem Treppenabsatz. Nur in Notfällen darf ich aufschließen, darauf besteht mein Vater. Er mag es nicht, wenn jemand einfach so hereinkommt.

Ich begrüßte sie, nahm ihre Tasche. Von beiden Seiten stützten wir sie zum Wagen, dabei fiel mir auf, wie klein sie geworden war. „Neun Zentimeter hat mich die blöde Osteoporose schrumpfen lassen“, hatte sie sich vor Monaten beklagt. Nun schien sie mir noch kleiner geworden zu sein.

Mein Vater und meine Mutter nahmen zusammen auf dem Rücksitz Platz. Ich sah sie im Spiegel die Köpfe zusammenstecken. Warum hatte ich nie eine Liebe gefunden, die nur annähernd so tief war wie die ihre? Verglichen damit waren meine Beziehungen oberflächlich, austauschbar gewesen, die letzte, zum Vater meiner Söhne, war vor über zehn Jahren zerbrochen. Seither war ich allein.

„Brauchst du noch etwas, Mama?“ fragte ich. „Eingekauft habe ich alles, was Papa mir aufgetragen hat.“

„Ich habe Schmerzen, Kind“, antwortete sie. „Immer nur Schmerzen. Der Doktor sagt, er kann mir nicht helfen.“

Mein Vater reichte mir aus ihrer Handtasche ein Rezept. Ich, das 55jährige Kind, das ich für sie immer bleiben würde, hielt vor einer Apotheke, um es einzulösen. Sevredol, las ich. Und Duogesicpflaster. Was das war, wusste ich: Schmerzmittel auf Morpiumbasis, die man nur bei stärksten Schmerzen wie bei Krebs oder Nervenschmerzen verordnet.

„Bei der Einnahme ist Vorsicht geboten“, warnte mich die Apothekerin, als hätte ich vor, meine Mutter zu vergiften.

Meine Hand zittert zu sehr, um den Schlüssel  in das Schloss zu stecken, immer wieder rutscht Metall an Metall ab, auch als ich den Knauf umklammere, schaffe ich es nicht, die Tür zu öffnen. Es ist, als wollte ich einen viel zu großen Schlüssel in ein Puppenhausschloss stecken.

Ich fuhr im Schritttempo, bemüht, jeder Unebenheit auszuweichen, um meiner Mutter Schmerzen zu ersparen, wenn das Auto über einen Gullydeckel holperte. Dennoch war sie so blass wie die Milchsuppe, die ich als Kind liebte, als wir ankamen.

„Vielleicht hätten wir doch lieber einen Krankentransport nehmen sollen“, sagte ich.

Sie schüttelte den Kopf. Mein Vater sah mich an, ganz der strenge Lehrer, der er früher war: „Deine Mutter ist doch nicht bettlägerig.“ Ich biss mir auf die Lippe. Sie war von innen schon ganz zerkaut. Machte ich denn nie etwas richtig? Ich half ihnen in die Wohnung im zweiten Stock, zum Glück gab es den Fahrstuhl. Aneinandergelehnt standen sie mir gegenüber, zwei alte Leutchen von 83 und 86 Jahren, gebrechlich und geschrumpft. Mein Vater hielt meine Mutter umschlungen, ihre knochigen Finger ineinander verschränkt. Sie erschienen mir wie eine Trutzburg, unangreifbar in ihrer Verbundenheit. Keiner sagte etwas. Die Luft wurde schlecht in der kleinen Kabine, es roch nach Mottenkugeln und Krankheit. Ich atmete durch den Mund und lächelte ihnen zu.

„Soll ich dir noch ein Pflaster gegen die Schmerzen aufkleben?“ fragte ich, als wir sie in den rückenfreundlichen Sessel bugsiert hatten. 2000 Euro hatte das nach neuesten orthopädischen Erkenntnissen ausgerichtete Sitzmöbel gekostet, ein Weihnachtsgeschenk meines Bruders. Sie nickte. Ich schob mehrere Schichten von Kleidung hoch. Als ich ihren faltigen, schiefen Rücken sah, erschrak ich. Wie eine brüchige Tapete hing die Haut über den Knochen, als wäre Luft darunter, als drohte sie sich abzulösen. Die Operationsnarben wagte ich gar nicht erst anzuschauen. Vorsichtig brachte ich das Morphiumpflaster an und zog ihr das Angorahemd über den marmorierten Körper wieder herunter. Obwohl in der Wohnung mindestens 28 Grad waren, fror sie.

Verdammt, was soll ich nur tun? Wie in einem Film sehe ich mir zu, es ist der Moment, vor dem ich mich seit Jahren fürchte., Ich merke, dass ich weine, Rotz läuft mir aus der Nase, ich schluchze wie ein kleines Kind, ich hämmere gegen die Tür, bis der Hausmeister  von unten den Kopf aus der Tür streckt. „Ist etwas passiert?“ fragt er.

„Hannes“, ächzte sie. Mein Vater balancierte mit langsamen Schritten ein voll beladenes Tablett: Tee, Milch, Zucker, Kuchen, Teller und bedrohlich kippelnde Tassen. Automatisch sprang ich auf, nahm es ihm ab. Wie sollte ich die beiden hier allein lassen, sie waren doch gefährdeter als Kleinkinder, schoss es mir durch den Kopf. Er schaltete per Fernbedienung die Stereoanlage an, für die wir zu ihrer Diamanthochzeit zusammengelegt hatten. Das Requiem von Mozart erklang.. Meine Eltern hörten von morgens bis abends klassische Musik, beschallten ihren Kokon damit.

„Du musst zur Arbeit“, ermahnte mich mein Vater. „Danke für alles, wir kommen schon zurecht.“

Auf dem Weg versuchte ich meinen Bruder in Singapur zu erreichen, keine Ahnung, wie spät es dort war, wieder war nur die Mailbox dran. „Melde dich!“ bat ich. „Ich brauche deine Hilfe. Mama hat starke Schmerzen und Papa schafft das nicht allein. Und ich kann auch nicht mehr!“ Tränen brannten mir in den Augen, die nächste Kurve nahm ich so scharf, dass ich ins Schleudern geriet. Mein Bruder hasste Gefühlsausbrüche, aber er war auch nie da und sah mit eigenen Augen, wie es ihnen ging.

Ich wende mich dem Hausmeister zu und gebe ihm den Schlüssel. „Bitte machen Sie die Tür auf, ich schaffe  das nicht“, sage  ich. Meine Stimme ist wie das Geräusch, das Kreide auf der Tafel macht. Sein Rücken im karierten Flanellhemd beugt sich über das Türschloss. Er öffnet die Tür und sieht mich fragend an. Ich nicke. Er soll voran gehen.  Am liebsten würde ich mich auf den Boden legen, den Kopf auf dem Toastbrot, das aus der Packung gefallen ist,  und nicht wieder aufstehen.

Während der nächsten Tage hetzte ich wieder zwischen zuhause, der Arbeit und der Wohnung meiner Eltern hin und her, immer mit schlechtem Gewissen, weil ich zuwenig Zeit hatte. Täglich schien meine Mutter ein bisschen mehr zu schrumpfen.

„Hannah isst fast nichts“, gab mein Vater zu, als wir zusammen Puddings, Salate und andere Kalorienbomben im Kühlschrank verstauten. War das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten, warf ich die nicht gegessenen Sachen weg. Es wurde immer mehr Müll. Auch er sah immer klappriger aus, seine Hose schlotterte um die Hüften, nur noch durch den Gürtel gehalten.

„Kann sie denn schlafen?“ fragte ich.

Er wich meinem Blick aus. „Wir brauchen neue Tabletten. Mehr Morphium. Die Schmerzen zermürben sie.“

Aber da liegt schon mein Vater, in der Hand hält er sein blutverschmiertes Schweizer Taschenmesser, das Abschiedsgeschenk seiner Schüler zur Pensionierung,  überall ist Blut, sein weißes Hemd ist getränkt damit, der helle Fußboden, aus den Handgelenken sickert es langsam, aber beständig, seine Augen sind geschlossen. Der Hausmeister kniet neben ihm, fühlt seinen Puls, stürzt zum Telefon und alarmiert einen Krankenwagen: „Ja,  Selbstmordversuch.“ Ein seltsamer Laut kommt aus meiner Kehle, als würde ich Glasscherben hoch würgen, ich wanke an meinem Vater vorbei zum Schlafzimmer.

Mein Bruder ruft zurück. „Dann muss sie eben in ein spezielles Pflegeheim, das solche Fälle nimmt, kümmere dich drum. An Geld soll es nicht scheitern.“ Er klingt genervt, für ihn sind unsere Eltern ein lösbares Problem und ich eine unfähige Mitarbeiterin.

„Aber sie können nicht ohne einander sein!“ rufe ich und höre durch das Handy, wie mein Bruder, Tausende Kilometer weit weg, die Augen verdreht.

„Herrgott, dann soll eben ein Pflegedienst ins Haus kommen, das kann doch nicht so schwierig sein.“

Auf dem Bett liegt meine puppenkleine Mutter, weißer als Milchsuppe, auch sie mit geöffneten Pulsadern, rot und weiß, Schneeweißchen und Rosenrot, neben ihr ein leeres Röhrchen Morphiumtabletten, zwei Gläser Rotwein auf dem Nachttisch, ein brennende Kerze, sie atmet nicht mehr, sie ist über den Schmerz hinaus,  ruhig und fast friedlich sieht sie aus, sie scheint mit  dem Kissen zu verschmelzen, sich aufzulösen, ich stammle unzusammenhängende Worte, der Hausmeister schüttelt neben mir den Kopf, ich zittere so sehr, dass meine Zähne aufeinanderschlagen, laut und schnell, die Sirene des Krankenwagens kommt näher, schon springen Sanitäter die Treppen hinauf, Lärm und Geschäftigkeit füllen die Wohnung, ich stürze zu meinem Vater, er atmet, ich hätte die Tür nicht öffnen dürfen, bittebittebitte lasst ihn doch sterben, denke ich. Was soll nur aus ihm werden, wenn er überlebt.

 

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