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Orchestermanöver im Dunkeln
1982 waren wir beide 15 Jahre alt, Sabine, seit der Vorschule meine beste Freundin, und ich. Es war die Zeit von bauschigen Ponyfrisuren und Karottenjeans. Stundenlang standen wir vor dem Spiegel und probierten neue
Augen-Make-up-Farben aus. Mein damaliger Favorit war das Knallgelb vom „Colour-Shop“ im Hamburger Hanseviertel, das ich bis zu den Augenbrauen verteilte, kontrastierend mit schwarzumrandeten Augen. Dort, in der
Hamburger Innenstadt, wurden wir auch bei einer Shoppingtour auf Konzertplakate aufmerksam: Das Orchestral Manoeuvres in the Dark, sollte in der Hamburger Laeiszhalle – damals noch Musikhalle genannt –
auftreten. „Guck mal, OMD kommen nach Hamburg!“, jubelte Sabine.
Ich staunte. Die britischen Popgötter in den alten, imposanten Räumen, wo ich sonst nur mit meinem Vater klassische Konzerte besucht hatte? Ich erinnerte mich an den rotbestuhlten Großen Saal, der vor
Ehrwürdigkeit nur so geknistert hatte, als ich an der Hand meines Vaters zum ersten Mal ein Kinderkonzert besuchte. Fünf oder sechs Jahre war ich da wohl gewesen und hatte mich kaum getraut, „Piep“ zu sagen.
Seit damals waren einige Jahre vergangen, in denen die pompösen samtbezogenen Möbel von Mal zu Mal geschrumpft waren, wenngleich sie nichts von ihrem Ernst eingebüßt hatten. Mein Vater, der klassische Musik
liebte – im Gegensatz zu meiner Mutter –, hatte mich zu seiner Begleiterin erkoren. Ungefähr einmal pro Jahr saßen wir nebeneinander im Publikum, das nur aus Leuten mit grauen Haaren und Schleifenblusen zum
Rock oder Zweireihern mit Goldknöpfen zu bestehen schien und lauschten Solisten am Klavier, stimmgewaltigen Tenören und Kammerorchestern. Seit meinem Eintritt in die Pubertät hatte ich jedoch beschlossen, solche
Musik nicht mehr zu mögen. Auch wenn ich sie vielleicht heimlich doch noch hörte, war es einfach uncool – damals sagte man allerdings, „das bockt nicht“ – und ich wäre lieber gestorben, als mich zu etwas
so Peinlichem zu bekennen.
„Wollen wir hingehen? Los, lass uns Karten kaufen!“ Sabine stupste mich in die Seite und riss mich aus den Gedanken. „Joan of Arc, had a heart, which she given Lester Sqare - wie geht`s noch mal weiter?” sang
sie laut und falsch. Passanten drehten sich stirnrunzelnd nach uns um. „Keine Ahnung, ich kenne den Text auch nicht so genau“, gab ich zurück. „Ich finde Enola Gay sowieso besser!“ sagte Sabine und zerrte mich kichernd weiter, zur nächsten Vorverkaufsstelle. Zum Glück lag das Konzert in den Schulferien, denn meine Eltern bestanden darauf, dass ich um zehn Uhr abends zu Hause war. Alle anderen durften natürlich immer länger. Aber gegen ein Konzert in der Musikhalle würden sie nichts einwenden, diente es doch der kulturellen Bildung. Mit derartigen Argumenten hatte ich ihnen schon ihr Einverständnis für mein erstes Popkonzert abgerungen – für das der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft, abgekürzt DAF.
Sie vermuteten dahinter wohl eine nationenübergreifende Folkformation. Wenn sie gewusst hätten, dass ich mich neben Pogo-tanzenden Kahlrasierten auf dem Konzert einer Punkband tummelte, hätten sie das nicht so
toll gefunden ... Wir ergatterten Karten für OMD und schlugen dabei unser ganzes Taschengeld auf den Kopf, das ich mit Nachhilfeunterricht und Babysitten, Sabine mit Omas Hilfe aufbesserte. Aber das war es wert. OMD zählten neben Depeche Mode zu den angesagtesten Bands überhaupt und ich besaß alle bisherigen Platten: Orchestral
Manoeuvres in the Dark, Organisation sowie Architecture and Morality.
Stunden vorher plünderten wir unsere Kleiderschränke, um ein geeignetes Outfit zusammenzustellen. Aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen trugen wir gerne Partnerlook. Vielleicht fühlten wir uns sicherer
in ähnlicher Kluft? Eigentlich war der Grund simpler und die Werbung hat ihn später „me too“-Effekt genannt: Was immer die eine trug, wollte die andere auch, nur um darin besser auszusehen. Als wir uns endlich
für enge schwarze Hosen, auf der Hüfte baumelnden Nietengürtel und knöchelhohe Turnschuhe zum rosa-schwarz-karierten T-Shirt entschieden hatten, blieb uns nur noch eine knappe Stunde zum Schminken und Haare
stylen. In großer Hetze kamen wir los, erwischten den Vorortzug, Haltestelle Meeschensee, in letzter Sekunde.
Als wir vor der Musikhalle anlangten, stand dort schon eine große Menschentraube bestehend aus lauter Jugendlichen, die enge schwarze Hosen, Nietengürtel und knöchelhohe Turnschuhe trugen. Wir empfanden sofort ein
angenehmes Gefühl der Verbundenheit. Sabine zog eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche, Marlboro natürlich - zu der Zeit war Rauchen noch cool und lässig, nicht asozial und süchtig - und steckte sich eine an.
Bewundernd sah ich ihr beim Paffen zu. „Wie findest du den Blonden mit der Lederjacke?“ flüsterte sie mir ins Ohr und blies mir Rauch ins Auge. Mit tränenden Augen wandte ich mich um. „Süß“, wisperte ich
zurück und warf einen ganz unauffälligen Blick in die Richtung. „Sein Freund ist aber auch niedlich.“ Sabine kniff mich in den Po. „Na, dann kommen wir uns ja nicht in die Quere!“
Endlich öffneten sich die Türen. Sofort wurden wir in der Lawine der Fans mitgerissen und wogten auf den Eingang zu. Ehe wir uns versahen, standen wir in der Eingangshalle. Ich weiß nicht, was geschehen war, aber
seit meinem letzten Besuch mit meinem Vater hatte sich das Interieur erheblich verändert. Was mir sonst immer so gediegen erschienen war, dass ich nur zu flüstern wagte, so erhaben, dass ich mir immer ein wenig
fehl am Platz vorkam, war plötzlich ein heißer Ort. Oder lag es an den Leuten, denen ich mich zugehörig fühlte und die sich hier ganz selbstverständlich drinnen bewegten, die sich sogar heimisch zu fühlen
schienen? „Voll moppig hier drinnen“, lobte Sabine und sah sich um. „Und hier warst du schon ein paar Mal mit deinem Papa? Ich dachte immer, das wäre so spießig.“
Als wir den Großen Saal betraten, zog sie jedoch ein langes Gesicht. „Hier sind ja überall Sitzplätze, da kann man ja gar nicht tanzen!“ Hand in Hand suchten wir unsere Reihe, natürlich saßen wir
ziemlich weit hinten. Aber immerhin Parkett, dichter dran am Geschehen. Neben und saßen ein paar Grufties, die bestimmt schon Ende Zwanzig waren. Unsere süßen Jungs vom Eingang waren nirgends zu sehen. Wir kauten
Kaugummis und zupften an unseren hochtoupierten, haarspraysteifen Haaren. Sabine blies einen Riesenbubble, der ihr auf der Nase zerplatzte. Wir lachten, bis wir mit Tränen in den Augen nach Luft rangen.
Das Licht verdunkelte sich, ein Raunen lief durch das Publikum. Sabine zerquetschte fast meine Hand. Sphärische Klänge erfüllten den Raum, das Vorspiel zu einem der Alben, welchem, wusste ich in der
Aufregung nicht. Lange vor Chillout, Ambient und Café Abstrait verzauberten die Jungs aus England uns mit ihren elektronischen Weichzeichnern. So ging das ein paar Songs weiter, bis Sabine unruhig mit den Füßen
scharrte und mir ins Ohr nuschelte: „Das kenne ich ja alles gar nicht!“ Doch dann erklangen die ersten Töne von Maid of Orleans, das mit einer ungewöhnlich langen Instrumentaleinleitung begann. „Das
kennst du aber!“ rief ich lachend und sofort sprangen wir auf. Hinter und murrten einige Leute, dass wir uns gefälligst hinsetzen sollten, doch wir kümmerten uns nicht darum. Andere standen auch auf, wiegten
sich mit der Musik, begannen zu tanzen. Wir trällerten begeistert mit, dass wir den Text immer noch nicht kannten, machte nichts, es verstand uns sowieso keiner, ekstatische Mundbewegungen reichten vollständig.
Nun standen alle im Publikum auf ihren Füßen, eine einzige bewegte Masse wiegte sich zur Musik. „Los, lass uns nach vorne!“ schrie ich Sabine ins Ohr. Sie schaute zweifelnd. „Echt?“ Von hinten hörten
wir Getrappel, als die ersten schon an uns vorbei stürmten. Wir schlossen uns ihnen an, drängten uns durch den Gang nach vorn, um ganz nah dran zu sein. Andy McCluskey und Paul Humphreys wirbelten wenige Meter vor
uns auf der Bühne, bearbeiteten ihre Instrumente, sangen ihre Songs voller Hingabe, nur für uns. Der Raum zwischen Bühne und erster Reihe war gerammelt voll, die Ordner hatten nicht einmal versucht, die Massen
aufzuhalten. Hinter mir saß noch unverdrossen ein älteres Paar in der ersten Reihe, bis ihnen so auf den Füßen herum getrampelt wurde, dass sie das Feld räumten.
Ich konnte kaum noch etwas sehen, weil ein paar große Kerle plötzlich armschwenkend vor uns auf und ab hüpften. Sabine stützte sich auf meine Schulter und klappte einen der samtbezogenen Sitze herunter. „Was
wird denn das?“ rief ich, da stand sie schon auf dem Stuhl, wo normalerweise doch nur hanseatische Töchter im blauen Kleidchen sitzen durften. Ich zögerte. Das erschien mir wie Frevel, kurz vor
Kirchenschändung. Man konnte doch nicht mit dreckigen Turnschuhen auf die heiligen Sessel steigen! Aber als ich sah, wie begeistert Sabine den beiden Musikern auf der Bühne zujubelte und winkte, stand ich
unversehens auch oben. Wir stützen uns einfach auf den Schultern der vor uns Stehenden ab, und sangen und kreischten um die Wette. Aus dem Augenwinkel sah ich Blondie und seinen süßen Freund sich nähern. Ich
machte Sabine auf sie aufmerksam. Ihr Haar war inzwischen in sich zusammen gefallen, das sah viel besser aus, während ich mir die Schminke vom Gesicht schwitzte.
Natürlich hatten es uns eine Menge Leute gleichgetan und waren ebenfalls auf die Sitze gestiegen, die bedrohlich wackelten. Als ein schnelles Stück kam und allgemeines Hüpfen einsetzte, passierte es: Die Sitzreihe
knickte einfach weg wie ein Streichholzbriefchen und brach nach hinten um. Sabine und ich plumpsten herunter, stürzten aber weich auf ein Gewirr von Armen, Beinen und Kleidungsstücken. „Mist, ich habe mir
den Fuß weh getan!“ schnaufte Sabine mir ins Ohr. Mit roten Köpfen zerrten wir einander hoch, taumelten an den herbei eilenden Ordnungskräften vorbei und geradewegs in die Arme des Blonden. „Hi, ich bin
Oliver!“ brüllte er uns ins Ohr, als er Sabine auffing. Ich hatte über seine Schulter schon Blickkontakt zu seinem Freund aufgenommen, der sich als Dirk vorstellte. Den Rest des Konzertes verbrachten wir
gemeinsam. Passenderweise kamen nun die langsameren Schmusesongs, bei denen Feuerzeuge hochgehalten wurden und Münder sich fanden. Hand in Hand mit Oliver und Dirk verließen wir gegen 23 Uhr den Ort des
Geschehens, meine Ohren piepten. Ich trug eine stumme Entschuldigung für die Beschädigung auf den Lippen. Doch ich spürte, wie die alte Dame Musikhalle mir verzeihend zuzwinkerte. Fast hörte ich sie flüstern: Wir waren doch alle mal jung ... Auf dem Vorplatz drehte ich mich um und deutete eine Verbeugung an, die meine Freunde zum Glück nicht sahen.
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